Behandlung: Medikamente als Problemlöser?

Hilfen für aufmerksamkeitsgestörte Kinder und Jugendliche

Bericht vom Schulpsychologie-Kongress in Berlin Symposium

 Teilnehmer/innen:

  •  Moderation: Schulpsychologin aus Berlin,
  • Dr. med. Michael Huss, Oberarzt, Dipl.-Psychologe, Leiter der Studie über Langzeitverläufe hyperkinetischer Kinder, Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters, Charite´ - Virchow-Klinikum, Berlin
  • Silke Dörffel, Mutter eines betroffenen Kindes, Berlin
  • Prof. Dr. Manfred Döpfner, Dipl.-Psychologe, Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters der Universität Köln, Supervisor für Verhaltenstherapie, Köln. Bücher von Manfred Döpfner
  • Dieter Krowatschek, Dipl.-Psychologe, Schulpsychologischer Dienst Marburg

Bücher der Referenden:

Begriff

Inzwischen hat sich jetzt der Begriff ADS - Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom mit oder ohne Hyperaktivität und ADHS - Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätssyndrom durchgesetzt. Wir sprechen durchaus von einer Störung mit Krankheitswert, Verweis auf ICD 10.

Allerdings wird ein Kontinuum angenommen, in welchem jeder junge Mensch abzubilden ist. Bei den im Vordergrund stehenden Kindern sind die Symptome kräftiger ausgebildet, die auch bei „gesunden“ Kindern anzutreffen sind. Es wird der Begriff Verdünnungsreihe genannt, der am besten auf diesen Punkt hinweist. Im Vordergrund stehen allerdings in schulischer Hinsicht - Hinweis von Krowatschek - das Aufmerksamkeitsproblem, die Impulsivität und die Motorik.

Diese Kinder verlangen im Schulvormittag eine schnelle Belohnung, und ihnen ist der Spatz in der Hand immer lieber als die Taube auf dem Dach, die man irgendwann vielleicht bekommen könnte. Krowatschek macht eine Elternanamnese im Elternhaus und setzt dafür einen halben Arbeitstag (!) an. Eine Intelligenzdiagnostik ist wegen der dazu gehörenden Verhaltensbeobachtung wichtig. Gerade wenn diese Kinder an das Ende ihres Leistungsvermögens kommen, ist ihr Verhalten besonders typisch. Natürlich ist eine Verhaltensbeobachtung im Unterricht unbedingt notwendig, da man wissen will, wie die Interaktion mit dem/der Lehrer/in abläuft. Außerdem muss man einschätzen lernen, wie Trainingserfolge in die Schule transferiert werden können.

In der Klinik wird drei Tage lang untersucht. Es wird vehement bestritten, dass das EEG aussagekräftig ist im Zusammenhang mit einer Diagnose ADS. Wohl macht es einen Sinn, um minimale Epilepsieanfälle auszuschließen. Schon gar nicht darf man bei ADS ein Schlafentzugs-EEG durchführen.

Zum Stand der Ursachenforschung

 Genetische Faktoren werden angenommen. Es ist einfach zu auffallend, wenn die Familienanamnese ergibt, dass Vater, Onkel, Tante, etc. ebenfalls hyperaktiv gewesen sind. Die Impulskontrolle im synaptischen Spalt ist gestört, die Rolle des Dopamins wird immer wieder erwähnt.

Man wendet sich deutlich gegen

  • die Phosphat-Hypothese und auch gegen
  • die Zucker-Hypothese.

Diese seien weitgehend ausgeräumt (stärker in den USA, Huss glaubt noch ein wenig daran, ebenso Frau Hefendehl vom Eltern AüK Detmold).

Die Rolle der Schädigungen durch

  • Umweltgifte (Noxen) wird fortlaufend diskutiert, Bleivergiftung bspw. oder Beeinträchtigung durch Farbstoffe.
  • Rauchende schwangere Mütter gehen ein drei- bis vierfaches Risiko ein, allerdings wird auch gesagt, dass hinter der rauchenden Mutter möglicherweise die Impulsivität steht, die zum Rauchen animiert.

Ritalin (Methylphenidat)

Endlich ist der Reizbegriff auf dem Tisch und es beginnt eine intensive kontroverse Diskussion. Die Mutter im Podium hat letztendlich der Behandlung mittels Ritalin zugestimmt, weil sie einfach einen Abwägungsprozess vornehmen musste. Die Verantwortung für mögliche Nebenwirkungen auf der einen Seite, aber auch die Verantwortung dafür, welche Entwicklungschancen sie ihrem Kind vorenthält, wenn sie ihm das Medikament nicht gibt.

Ritalin korrigiert die Fehleinstellung des Botenstoffsystems im Gehirn. Ritalin wird über die Mundschleimhaut und Darmschleimhaut aufgenommen, erreicht schnell das Gehirn und wirkt etwa vier Stunden lang. Danach müsste eigentlich eine neue Gabe erfolgen. Etwa 70 % der ADS-Kinder reagieren positiv auf dieses Medikament.

Nebenwirkungen

An Nebenwirkungen werden genannt:

  • Schwindel,
  • Übelkeit und
  • Erbrechen,
  • Neigung zu Tics,
  • Wachstumsbeeinträchtigung,
  • erniedrigte Krampfschwelle,
  • Auftreten von Ängsten bis hin zu Psychosen.

Huss beschreibt gut die Wirkungsweise des Medikamentes am synaptischen Spalt in den Nervenzellen des Gehirns. Nach einem Selbstversuch fühlt er sich in seiner Meinung bestätigt, dass die stimulierende Substanz nach etwa vier Stunden völlig verbraucht ist und somit keine Nebenwirkungen erzielen kann. Bei seinem Selbstversuch wurden fortlaufend Blutproben genommen und genauestens untersucht.

 Die anderen medikamentösen Formen geraten deutlich in den Hintergrund, etwa Neuroleptika oder andere Formen der Stimulanzien, schon gar nicht Antidepressiva. Die Dosis Ritalin soll etwa bei einem halben bis einem Milligramm pro Körpergewicht liegen. Es kann sein, dass eine weitere Gabe Ritalin im Schulvormittag gegen 11.00 Uhr notwendig ist. Auf jeden Fall wird betont, dass eine sehr gründliche Voruntersuchung notwendig ist einerseits und dass die Behandlung mittels Ritalin nur dann gerechtfertigt ist, wenn gleichzeitig eine psychotherapeutische Behandlung/Begleitung des Kindes und seiner Familie stattfindet.

Gewöhnung oder Neigung zur Sucht?

Studien widersprechen sich. Während die Mediziner Huss und auch Döpfner eher dazu tendieren, keine Gewöhnung oder Neigung zur Sucht anzunehmen (eine Studie besagt sogar das Gegenteil), ist es vor allem Krowatschek, der andere Studien heran zieht, die vor den Nebenwirkungen warnen. K. ist nicht unbedingt ein absoluter Gegner von Ritalin, wohl aber sorgt er sich, dass Ritalin von Ärzten einfach so eingesetzt wird, ohne dass es zu einer verantwortlichen Begleitung kommt.

Problematisch ist auch, ob man im Verlaufe eines Tages eine einmalige Medikation macht oder mittags oder am Nachmittag (Hausaufgabensituation) noch einmal eine Dosis verabreicht. Problematisch ist ebenfalls, ob man am Wochenende oder in den Ferien das Medikament absetzt. Es gibt den Zusammenhang, dass die Pille als Problemlöser angesehen wird und das Kind die Mutter um eine Pille bittet, damit es wieder lieb sein kann. Döpfner spricht sich eher dafür aus, dass man Kindern ohnehin diese medikamentöse Hilfe erklären muss und dass man dann auch absprechen kann, warum Ritalin auch am Wochenende und in den Schulferien sinnvoll ist.

Wenn man von der Unbedenklichkeit des Medikamentes überzeugt ist, sollte die Medikation regelmäßig erfolgen, damit sich eben nicht dieser Zusammenhang bei dem Kind manifestiert. Auf keinen Fall darf beim Rezipienten der Eindruck entstehen, dass ein Wohlverhalten nur dann eintritt, wenn eine Pille verabreicht wird. (Vgl. Buch von Voss: Pillen für den Störenfried.)

Tatsache ist aber auch, dass sich die Abgabe von Ritalin in den letzen Jahren deutlich erhöht hat und dass die Pharmaindustrie ein blendendes Geschäft damit macht. Allerdings kann es sein, dass es sich dabei um einen Aufholeffekt handelt, bis eben alle 70 % der ADHS-Kinder Ritalin verschrieben bekommen... hoffentlich mit pädagogisch/psychologischer Begleitung.

Die anschließende Diskussion verlief ausgesprochen kontrovers und war leider unter dem Zeitlimit wenig ergebnisträchtig.

Übrigens frei nach Brecht sollte man sich fragen, ob man den reißenden Fluss oder das Bett, welches ihn einengt, gewalttätig nennen soll...

Dr. Josef Hanel Schulpsychologischer Dienst der Stadt Detmold  Oktober 2000

Literatur